Ich möchte Euch heute erzählen, wie ich im Einzelhandel das Coronavirus erlebe und wie sehr es mich an meine Grenzen des Verständnis bringt.
Ich werde nicht davon reden, wieviele Idioten Massen von Kram kaufen, was völlig unnötig ist.
Niemand braucht 12 Liter Olivenöl.
Ich werde Euch von den asozialen Menschen erzählen, die am Desinfektionstuchspender stehen - dieser ist im übrigen vom Eingang zu mir an den Lottostand gewandert, weil zu viele Menschen sich Bedarf für zuhause herausgeholt haben - und ich beobachte, wie ein Mann zwei mal Tücher herauszieht mit Schwung. Also wirklich zwei mal eine kreisende Armbewegung macht und Tücher am Stück herauszieht. Ca. 20 Stück. Da guckte ich nicht schlecht, aber ließ ihn gewähren. Er wischte den Wagengriff wie ein Irrer sauber und packte die gebrauchten Tücher in das Loch unterhalb des Spenders. Er ging nicht einkaufen, nein, er griff erneut zu den Tüchern und holte weitere 15-20 Tücher raus und machte sich seine Hände sauber!!!! Als ich ihm sagte, daß er das nicht machen könne, die anderen wollen auch noch was haben, war er erbost.
Omis, die wegen einem Rätselheft abends um 19:45 Uhr noch bei mir am Tresen stehen und bar bezahlen. Liebe Omis, die ganz zuckersüß lächeln und vielleicht auch niemanden haben, aber sie gehören nicht mehr raus! Für sie ist das scheinbar alles so weit weg, aber sie sind die Gefährdeten!
Ihr glaubt nicht, wieviele Alte unterwegs sind. Hauptsache Lotto geht noch und die bekloppte Bild, dafür riskieren sie sogar ihr Leben.
Von 100 Kunden hat einer Handschuhe an.
Abstand? Was ist das? Niemand hält Abstand, überhaupt keiner und nirgends.
Bargeld. Dreckige Hände. Rotzen, husten, niesen... alles auf den Tresen und mir vor´s Gesicht.
Und dann die Menschen, die einem ständig was vorheulen, wieviele Idioten doch unterwegs sind und Hamsterkäufe machen. Ja sind wir im Krieg?, heißt es dann und ja, sind wir!
Eine Schachtel Zigaretten holen sie und morgen wieder eine und übermorgen auch. Manche Kunden sehe ich drei mal zu uns kommen und einkaufen, in einer Schicht, d.h. innerhalb von 7 Stunden!
Auch die Jugendlichen sind keinen Deut besser, meine Kinder auch nicht. Sie machen viel bla-bla, tun immer ganz groß und erwachsen, aber irgendwie habe ich das Gefühl, das Problem ist nicht ihres.
Und ich habe keine Chance, mich irgendwie selbst zu schützen!
Weder habe ich einen Mundschutz, noch Handschuhe, noch kann ich zurücktreten und selbst für Abstand sorgen. Ich muß Bargeld anfassen, ob ich will oder nicht. Ich habe nicht mal einen Zahlteller, wo man das Geld drauflegen kann. Keine frische Luft, keine offenen Fenster, nur die Türen.
Es wird eingekauft wie zu Heiligabend. Ich verstehe das, wir waren alle noch nie in dieser Situation, ich weiß auch nicht, wie ich am besten bevorraten soll. Aber sie kaufen täglich so viel ein, das verstehe ich nicht. Ich kann doch nicht heute hamstern und übermorgen wieder?!
Wir alle sind nach unseren Schichten echt fix und fertig. Es geht in einer Tour, keine wirkliche Verschnaufpause (außer die 15-minütige Pause 2 x pro Schicht), kein Sammeln und mal kurz mit einem Kollegen schnacken, nee, Dauereinsatz.
Wir alle sind ungeschützt, können nur 2x pro Schicht die Hände waschen und niemandem wird es gelingen, sich nicht ins Gesicht zu fassen.
Ich möchte herausbrüllen, daß die Menschen doch endlich zuhause bleiben sollen. Sie haben doch schon eingekauft! Ich möchte den Alten sagen, daß sie nicht mehr raus gehören! Ich möchte den Kranken sagen, daß sie mit ihrem Leben spielen!
Mit meinem spielen sie auch! Und mit dem meiner Kollegen und Kolleginnen.
Und liebe Blogleserinnen: zieht Euch Handschuhe (und wenn es Spülhandschuhe sind) an und zahlt mit Karte!!!!! Macht einen Einkauf pro Woche und bleibt zuhause wenn Ihr könnt.
Wir sind am Anfang von Corona, nicht am Höhepunkt oder gar am Ende.
Und nervt nicht die Kassiererin mit Sprüchen wie: "Haben die sie nicht mehr alle mit ihren Einkäufen?" oder "Ach, das mit dem Virus ist alles halb so schlimm!", das ist noch viel bekloppter. Oder gar der schlaue Satz: "Bei Grippe sterben mehr!", der ist sowas von hohl mittlerweile...
Ich möchte auch gerne zuhause bleiben und durchatmen.
Mittlerweile liegt ein Dankeszettel im Pausenraum... na wenigstens sieht der Besitzer und seine Familie was wir alles leisten im Moment. Und gestern sagte ein Kunde: "Danke, daß Sie noch da sind!", das fand ich ganz wundervoll.
Wir halten durch!
die liebe Nana